Schopenhauers Kosmos

 

 Schriftsteller. Schriftstellerei.

1) Einteilung der Schriftsteller.

Zuvörderst gibt es zweierlei Schriftsteller: solche, die der Sache wegen, und solche, die des Geldverdienens wegen schreiben. Jene haben Gedanken gehabt, oder Erfahrungen gemacht, die ihnen mitteilenswert scheinen; diese denken nur zum Behuf des Schreibens und schreiben, um Papier zu füllen. Sie betrügen den Leser. Schreibenswertes schreibt nur wer ganz allein der Sache wegen schreibt. Jeder Schriftsteller wird schlecht, sobald er irgend des Gewinnes wegen schreibt. Honorar und Verbot des Nachdrucks sind im Grunde der Verderb der Literatur. (P. II, 536 fg. 582.)
Wiederum kann man sagen, es gebe dreierlei Autoren, erstlich solche, welche schreiben, ohne zu denken. Sie schreiben aus dem Gedächtnis, aus Reminiszenzen, oder gar unmittelbar aus Büchern. Diese Klasse ist die zahlreichste. — Zweitens solche, die während des Schreibens denken; sie denken, um zu schreiben. Sind sehr häufig. — Drittens solche, die gedacht haben, ehe sie ans Schreiben gingen. Sie schreiben bloß, weil sie gedacht haben. Sind selten. (P. II, 537.) Unter dieser letzten kleinen Anzahl sind aber wieder nur Wenige, welche über die Dinge selbst denken; die übrigen denken bloß über Bücher, über das von Anderen Gesagte. (P. II, 537 fg.)
Die Schriftsteller kann man ferner einteilen in Sternschnuppen, Planeten und Fixsterne. Die ersteren liefern die momentanen Knalleffekte; man schaut auf, ruft siehe da! und auf immer sind sie verschwunden. — Die zweiten haben viel mehr Bestand. Doch müssen auch sie ihren Platz bald räumen, haben zudem nur geborgtes Licht und eine auf ihre Bahngenossen (Zeitgenossen) beschränkte Wirkungssphäre. Sie wandeln und wechseln; ein Umlauf von einigen Jahren Dauer ist ihre Sache. — Die Dritten allein sind unwandelbar, haben eigenes Licht, wirken zu einer Zeit, wie zur andern. Sie gehören nicht, wie jene Andern, einem Systeme (Nation) allein an, sondern der Welt. Aber wegen der Höhe ihrer Stelle braucht ihr Licht meistens viele Jahre, ehe es dem Erdenbewohner sichtbar wird. (P. II, 487.)

2) Woran man den Wert schriftstellerischer Produkte zunächst erkennen kann.

Um über den Wert der Geistesprodukte eines Schriftstellers eine vorläufige Schätzung anzustellen, ist es nicht gerade notwendig, zu wissen, worüber, oder was er gedacht habe; dazu wäre erfordert, dass man alle seine Werke durchläse; — sondern zunächst ist es hinreichend, zu wissen, wie er gedacht habe. Von diesem Wie des Denkens nun, von dieser wesentlichen Beschaffenheit und durchgängigen Qualität desselben ist ein genauer Abdruck sein Stil. (P. II, 550. Vergl. Stil und Bücher.)

3) Erklärung der Geistlosigkeit und Langweiligkeit der Schriften der Alltagsköpfe.

Man könnte die Geistlosigkeit und Langweiligkeit der Schriften der Alltagsköpfe daraus ableiten, dass sie immer nur mit halbem Bewusstsein reden, nämlich den Sinn ihrer eigenen Worte nicht selbst eigentlich verstehen, da solche bei ihnen ein Erlerntes und fertig Aufgenommenes sind. Statt deutlich ausgeprägter Gedanken findet man bei ihnen ein unbestimmtes dunkles Wortgewebe, gangbare Redensarten, abgenutzte Wendungen und Modeausdrücke. Leute von Geist hingegen reden in ihren Schriften wirklich zu uns, und daher vermögen sie uns zu beleben und zu unterhalten. (P. II, 555. 582. — Vergl. unter Bücher: Was die meisten Bücher mittelmäßig und langweilig macht.)

4) Zweifache Langweiligkeit der Schriften.

Es gibt zwei Arten von Langweiligkeit der Schriften, eine objektive und eine subjektive. Die objektive entspringt daraus, dass der Autor gar keine vollkommen deutlichen Gedanken oder Erkenntnisse mitzuteilen hat. Die subjektive Langweiligkeit hingegen ist eine bloß relative; sie hat ihren Grund im Mangel an Interesse für den Gegenstand beim Leser. Subjektiv langweilig kann daher auch das Vortrefflichste sein, nämlich Diesem oder Jenem; wie umgekehrt auch das Schlechteste Diesem oder Jenem subjektiv kurzweilig sein kann, weil der Gegenstand, oder der Schreiber ihn interessiert. (P. II, 555 fg.)

5) Erfordernisse zur Unsterblichkeit der Schriften.

Um unsterblich zu sein, muss ein Werk so viel Trefflichkeit haben, dass nicht leicht sich Einer findet, der sie alle fasst und schätzt, jedoch allezeit diese Trefflichkeit von Diesem, jene von Jenem erkannt und verehrt wird, wodurch der Kredit des Werkes sich durch die Jahrhunderte hindurch erhält, indem es bald in diesem, bald in jenem Sinne verehrt und nie erschöpft wird. Der Urheber eines solchen Werkes kann aber nur Einer sein, der nicht bloß unter seinen Zeitgenossen, sondern auch unter den folgenden Generationen seines Gleichen vergeblich sucht, kurz Einer, von dem das Ariostische lo fece natura, e poi ruppe lo stampo wirklich gilt. (P. II, 543 fg.)
Zu eigentlichen Geisteswerken, zu Gedanken, die als solche und an sich dauernden Wert haben, ist der gewöhnliche Mensch nie, und das Genie nur in seltenen Augenblicken fähig. Daher ist jedes seinsollende Geisteswerk misslungen und dem Untergange bestimmt, wenn der Autor nur die normalen Geisteskräfte hatte und auch, wenn er es als fortlaufende Arbeit schrieb, an die er ging, wie er jedes Mal war, sich hinsetzend mit dem Gedanken: nun will ich schreiben. Denn da schreibt er bloß aus der Erinnerung und zwar aus einer ganz allgemeinen, von vielen verschiedenartigen Anschauungen abstrahierten Erinnerung; bloße Begriffe sind ihm gegenwärtig. Hingegen im begeisterten Moment schreibt er aus einer gegenwärtigen Anschauung, einem neuen frischen Apercu, vor welchem ihm die übrige Welt verschwindet. (H. 470.)
Wer die weite Reise zur Nachwelt vorhat, darf keine unnütze Bagage mitschleppen; denn er muss leicht sein, um den langen Strom der Zeit hinab zu schwimmen. Wer für alle Zeiten schreiben will, sei kurz, bündig, auf das Wesentliche beschränkt; er sei bis zur Kargheit bei jeder Phrase und jedem Worte bedacht, ob es nicht auch zu entbehren sei; wie, wer den Koffer zur weiten Reise packt, bei jeder Kleinigkeit, die er hineinlegt, überlegt, ob er nicht auch sie weglassen könne. Das hat Jeder, der für alle Zeiten schrieb, gefühlt und getan. (H. 471 fg.)

6) In welchem Lebensalter die großen Schriftsteller ihre Meisterwerke liefern.

Den Stoff seiner selbsteigenen Erkenntnisse, seiner originalen Grundansichten, also Das, was ein bevorzugter Geist der Welt zu schenken bestimmt ist, sammelt er schon in der Jugend ein; aber seines Stoffes Meister wird er erst in späten Jahren. Demgemäß wird man meistenteils finden, dass die großen Schriftsteller ihre Meisterwerke um das fünfzigste Jahr herum geliefert haben. (P. I, 522.)

7) Die Journalisten.

Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist: — die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen: Tagelöhner. (P. II, 537.)

8) Die Kompendienschreiber und Kompilatoren.

Büchermacher, Kompendienschreiber, Kompilatoren, empfangen den Stoff unmittelbar aus Büchern. Sie denken gar nicht. Das Buch, aus dem sie abschreiben, ist bisweilen eben so verfasst. Also ist es mit dieser Schriftstellerei, wie mit Gipsabdrücken von Abdrücken u. s. f. Daher soll man Kompilatoren möglichst selten lesen; denn es ganz zu vermeiden ist schwer, indem sogar die Kompendien, welche das im Laufe vieler Jahrhunderte zusammengebrachte Wissen im engen Raum enthalten, zu den Kompilationen gehören. (P. II, 538.)

9) Enthymematische Schriftsteller.

Schriftsteller, welche Prämissen, Angaben ihrer Gründe, allerlei entbehrliche Erklärungen und Zwischensätze weglassen, heißen enthymematische Schriftsteller; ihre Sätze sind geistreich, weil sie mit Wenigem Viel sagen, z. B. Tacitus, Rochefoucauld, Dante, Persius, Juvenal. Man soll dem Leser etwas zu deuten übrig lassen, damit er wach bleibe. Nun aber gibt es ein anderes Extrem, oder vielmehr einen Missbrauch. Windbeutel affektieren Enthymemata, wo sie keine haben, schreiben unzusammenhängendes, unverständliches Zeug, dunkele Bücher. Der Leser soll glauben, der Autor habe nur ihm zu viel zugetraut, es wären Enthymemata bei der Sache, die nur er nicht erhaschen könne, wohl aber Andere. So ein Schriftsteller missbraucht den Kredit, den ihm der Leser schenkt. (H. 472—474.)

10) Auslegung der Schriftsteller.

Man soll jeden Schriftsteller auf die ihm günstigste Weise auslegen; es ist in Hinsicht auf ihn billig, in Hinsicht auf unsere Belehrung nützlich. (H. 475.)

11) Anonymität der Schriftsteller.

(S. Anonymität.)

12) Zitate der Schriftsteller.

(S. Zitate.)