Schopenhauers Kosmos

 

 Moralisch. Moralität.

1) Kriterium der Handlungen von echt moralischem Wert.

Legale Handlungen können aus egoistischen Triebfedern hervorgehen, aber nicht echt moralische. Dogmen sind zwar geeignet, Legalität zu erzeugen, aber nicht Moralität. Angenommen, dass der Glaube an Götter, deren Wille und Gebot die sittliche Handlungsweise wäre, und welche diesem Gebot durch Strafen und Belohnungen, entweder in dieser, oder in der anderen Welt, Nachdruck erteilten, allgemein Wurzel fasste und die beabsichtigte Wirkung hervorbrächte; so würde dadurch zwar Legalität der Handlungen, selbst über die Grenze hinaus, bis zu welcher Justiz und Polizei reichen können, zu Wege gebracht sein; aber Jeder fühlt, dass es keineswegs Dasjenige wäre, was wir eigentlich unter Moralität der Gesinnung verstehen. Denn offenbar würden alle durch Motive solcher Art hervorgerufene Handlungen immer nur im bloßen Egoismus wurzeln. Dagegen ist das Kriterium der Handlungen von echt moralischem Wert die Ausschließung derjenigen Art von Motiven, durch welche sonst alle menschlichen Handlungen hervorgerufen werden, nämlich der eigennützigen im weitesten Sinne des Wortes. Abwesenheit aller egoistischen Motivation ist also das Kriterium einer Handlung von moralischem Wert. (S. 202—204. 206. 207.)

2) Antimoralische Triebfedern.

Die erste und hauptsächlichste, wiewohl nicht die einzige Macht, welche die moralische Triebfeder zu bekämpfen hat, ist der Egoismus (S. Egoismus.) Er ist die vorzüglich der Tugend der Gerechtigkeit sich entgegenstellende antimoralische Triebfeder. Die zweite, mehr der Tugend der Menschenliebe gegenübertretende antimoralische Triebfeder ist das Übelwollen oder die Gehässigkeit. Aus dem Egoismus entspringen Gier, Völlerei, Wollust, Eigennutz, Habsucht, Ungerechtigkeit, Hartherzigkeit, Stolz, Hoffarth u. s. w.; aus der Gehässigkeit aber Missgunst, Neid, Bosheit, Schadenfreude, spähende Neugier, Verleumdung, Insolenz, Petulanz, Hass, Zorn, Verrat, Tücke, Rachsucht, Grausamkeit u. s. w. — Die erste Wurzel (der Egoismus) ist mehr tierisch, die zweite (die Gehässigkeit) mehr teuflisch. (E. 196—201.)

3) Die moralische Triebfeder.

Die moralische Triebfeder muss schlechterdings, wie jedes den Willen bewegende Motiv, eine sich von selbst ankündigende, deshalb positiv wirkende, folglich reale sein; und da für den Menschen nur das Empirische, oder doch als möglicherweise empirisch vorhanden Vorausgesetzte Realität hat; so muss die moralische Triebfeder in der Tat eine empirische sein und als solche ungerufen sich ankündigen, an uns kommen, ohne auf unser Fragen danach zu warten, von selbst auf uns eindringen, und dies mit solcher Gewalt, dass sie die entgegenstehenden, riesenstarken, egoistischen Motive wenigstens möglicherweise überwinden kann. (E. 143.) Dieser Forderung entspricht allein das Mitleid.
Die Quelle aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe, dieser beiden Kardinaltugenden, ist das Mitleid, d. h. die ganz unmittelbare, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängige Teilnahme zunächst am Leiden des Anderen und dadurch an der Verhinderung oder Aufhebung dieses Leidens, als worin zuletzt alle Befriedigung und alles Wohlsein und Glück besteht. (E. 208. — Vergl. Gerechtigkeit und Menschenliebe.) Das Mitleid besteht in der Identifikation des eigenen Selbst mit dem des Anderen und entspringt aus der Durchschauung des principii individuationis, also aus jener intuitiven Erkenntnis, welche die gänzliche Unterscheidung zwischen mir und dem Andern, auf welcher gerade der Egoismus beruht, aufhebt. (Vergl. unter Individuation: Die im principio individuationis befangene Erkenntnis im Gegensatze zu der es durchschauenden.) Es ist ein Irrtum zu meinen, das Mitleid entstehe durch eine augenblickliche Täuschung der Phantasie, indem wir selbst uns an die Stelle des Leidenden versetzten und nun in der Einbildung seine Schmerzen an unserer Person zu leiden wähnten. So ist es keineswegs; sondern es bleibt uns gerade jeden Augenblick klar und gegenwärtig, dass Er der Leidende ist, nicht wir, und geradezu in seiner Person, nicht in unserer, fühlen wir das Leiden, zu unserer Betrübnis. Wir leiden mit ihm, also in ihm; wir fühlen seinen Schmerz als den seinen und haben nicht die Einbildung, dass es der unsrige sei. Die Erklärung der Möglichkeit dieses höchst wichtigen Phänomens kann nur metaphysisch ausfallen. (E. 208—212. 264—274.)
Dass das Mitleid, als die einzige nicht egoistische, auch die alleinige echt moralische Triebfeder sei, wird durch die Erfahrung und die Aussprüche des allgemeinen Menschengefühls bestätigt. (E. 231—249.)

4) Gegensatz der moralischen Grundgesinnung.

Der Punkt, an welchem die moralischen Tugenden und Laster des Menschen zuerst auseinandergehen, ist der Gegensatz der Grundgesinnung gegen Andere, welche nämlich entweder den Charakter des Neides, oder aber den des Mitleids annimmt. Denn diese zwei diametral entgegengesetzten Eigenschaften trägt jeder Mensch in sich, indem sie entspringen aus der ihm unvermeidlichen Vergleichung seines eigenen Zustandes mit dem der Andern. Je nachdem nun das Resultat dieser auf seinen individuellen Charakter wirkt, wird die eine oder die andere Eigenschaft seine Grundgesinnung und die Quelle seines Handelns. Der Neid nämlich baut die Mauer zwischen Du und Ich fester auf; dem Mitleid wird sie dünn und durchsichtig; ja bisweilen reißt es sie ganz ein, wo dann der Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich verschwindet. (P. II, 218.)

5) Gleichheit der moralischen Bedeutung der Handlungen bei Verschiedenheit der äußeren Erscheinung.

An sich sind alle Handlungen (opera operata) bloß leere Bilder und allein die Gesinnung, welche zu ihnen leitet, gibt ihnen moralische Bedeutsamkeit. Diese aber kann wirklich ganz die selbe sein bei sehr verschiedener äußerer Erscheinung. Bei gleichem Grade von Bosheit kann der Eine auf dem Rade, der Andere ruhig im Schoße der Seinigen sterben. Es kann derselbe Grad von Bosheit sein, der sich bei einem Volke in groben Zügen, in Mord und Kannibalismus, bei anderen hingegen in Hofintrigen, Unterdrückungen und seinen Ränken aller Art fein und leise en miniature ausspricht; das Wesen bleibt das selbe. (W. I, 436.) Es ist unwesentlich, ob man um Nüsse oder Kronen spielt; ob man aber beim Spiel betrügt, oder ehrlich zu Werke geht, das ist das Wesentliche. (W. I, 189.)

6) Der moralische Unterschied der Charaktere.

Das Vorwalten der einen oder der anderen der beiden antimoralischen Triebfedern (Egoismus und Gehässigkeit), oder aber der moralischen Triebfeder (Mitleid), gibt die Hauptlinie in der ethischen Klassifikation der Charaktere. (E. 201.) Der so große Unterschied im moralischen Verhalten der Menschen beruht auf dem angeborenen und unvertilgbaren Unterschied der Charaktere. (S. Charakter.) Die drei ethischen Grundtriebfedern des Menschen, Egoismus, Bosheit, Mitleid, sind in Jedem in einem anderen und unglaublich verschiedenen Verhältnisse vorhanden. Dieser unglaublich großen, angeborenen und ursprünglichen Verschiedenheit gemäß regen Jeden nur diejenigen Motive vorwaltend an, für welche er überwiegende Empfänglichkeit hat, so wie der eine Körper nur auf Säuren, der andere nur auf Alkalien reagiert; und wie Dieses, so ist auch Jenes nicht zu ändern. Das Grundwesentliche, das Entschiedene, ist im Moralischen, wie im Intellektuellen und Physischen, das Angeborene. (E. 249—256. P. II, 245.) Die moralische Verschiedenheit der Charaktere ist so groß, wie die Intellektuelle der Köpfe; womit gewiss viel gesagt ist. (E. 194.)
Unmöglich können wir annehmen, dass solche Unterschiede, die das ganze Wesen des Menschen umgestalten und durch nichts aufzuheben sind, welche ferner im Konflikt mit den Umständen seinen Lebenslauf bestimmen, ohne Schuld oder Verdienst der damit Behafteten vorhanden sein könnten und das bloße Werk des Zufalls wären. Schon hieraus ist evident, dass der Mensch in gewissem Sinne sein eigenes Werk sein muss, so sehr auch sein empirischer Ursprung ein zufälliger zu sein scheint. (W. II, 685 fg. P. II, 242 fg.)
(Über den Einfluss der Erziehung, Belehrung und des Beispiels auf die Moralität des Charakters s. Besserung, Beispiel, Erziehung.)

7) Was bei der moralischen Beurteilung der Handlungen der eigentliche Gegenstand des Lobes oder Tadels ist.

Auf der Erkenntnis der Unveränderlichkeit des Charakters beruht es, dass wenn wir den moralischen Wert einer Handlung beurteilen wollen, wir vor Allem über ihr Motiv Gewissheit zu erlangen suchen, dann aber unser Lob oder Tadel nicht das Motiv trifft, sondern den Charakter, der sich durch ein solches Motiv bestimmen ließ, als den zweiten und allein dem Menschen inhärierenden Faktor dieser Tat. — Auf der selben Erkenntnis beruht es, dass die wahre Ehre, ein Mal verloren, nie wieder herzustellen ist, sondern der Makel einer einzigen nichtswürdigen Handlung dem Menschen auf immer anklebt, ihn, wie man sagt, brandmarkt. (E. 50 fg.)

8) Die über die Natur hinausgehende Quelle und Wirkung der Moralität.

Die Moralität hat eine Quelle, welche über die Natur hinaus liegt, daher sie mit den Aussagen derselben in Widerspruch steht. Darum aber tritt sie dem natürlichen Willen, als welcher an sich schlechthin egoistisch ist, geradezu entgegen, ja, die Fortsetzung ihres Weges führt zur Aufhebung desselben. (W. II, 241.)
Die moralischen Tugenden, Gerechtigkeit und Menschenliebe, da sie, wenn lauter, daraus entspringen, dass der Wille zum Leben, das principium individuationis durchschauend, sich selbst in allen seinen Erscheinungen wiedererkennt, sind demzufolge zuvörderst ein Anzeichen, ein Symptom, dass der erscheinende Wille in jenem Wahn nicht mehr ganz fest befangen ist, sondern die Enttäuschung schon eintritt; so dass man gleichnisweise sagen könnte, er schlage bereits mit den Flügeln, um davonzufliegen. Umgekehrt, sind Ungerechtigkeit, Bosheit, Grausamkeit, Anzeichen des Gegenteils, also der tiefsten Befangenheit in jenem Wahn. Nächstdem aber sind jene moralischen Tugenden ein Beförderungsmittel der Selbstverleugnung und demnach der Verneinung des Willens zum Leben. (W. II, 693 fg.)
Das Moralische liegt zwischen der Bejahung des Willens zum Leben (Erbsünde) und der Verneinung desselben (Erlösung); es begleitet den Menschen als eine Leuchte auf seinem Wege von der Bejahung zur Verneinung des Willens. (W. II, 696.) Schon die Heiligkeit, welche jeder rein moralischen Handlung anhängt, beruht darauf, dass eine solche im letzten Grunde aus der unmittelbaren Erkenntnis der numerischen Identität des inneren Wesens alles Lebenden entspringt. Diese Identität ist aber eigentlich nur im Zustande der Verneinung des Willens (Nirwana) vorhanden, da seine Bejahung (Sansara) die Erscheinung desselben in der Vielheit zur Form hat. Bejahung des Willens zum Leben, Erscheinungswelt, Diversität aller Wesen, Individualität, Egoismus, Hass, Bosheit entspringen aus einer Wurzel; und eben so andererseits Welt des Dinges an sich, Identität aller Wesen, Gerechtigkeit, Menschenliebe, Verneinung des Willens zum Leben. Wenn nun schon die moralischen Tugenden aus dem Innewerden jener Identität aller Wesen entstehen, diese aber nicht in der Erscheinung, sondern im Dinge an sich, in der Wurzel aller Wesen liegt, so ist die tugendhafte Handlung ein momentaner Durchgang durch den Punkt, zu welchem die bleibende Rückkehr die Verneinung des Willens zum Leben ist. (W. II, 698.)
(Über die Unfähigkeit der Tiere zur eigentlichen Moralität s. Tier.)

9) Moralische Bedeutung der Welt.

Dass die Welt bloß eine physische, keine moralische Bedeutung habe, ist der größte, verderblichste Irrtum, die eigentliche Perversität der Gesinnung. (P. II, 205.) In der Schrift Über den Willen in der Natur ist bewiesen, dass die in der Natur treibende und wirkende Kraft identisch ist mit dem Willen in uns. Dadurch tritt die moralische Weltordnung in unmittelbaren Zusammenhang mit der das Phänomen der Welt hervorbringenden Kraft. Denn der Beschaffenheit des Willens muss seine Erscheinung genau entsprechen. Hierauf beruht die ewige Gerechtigkeit (s. unter Gerechtigkeit: die ewige Gerechtigkeit), und die Welt, obgleich aus eigener Kraft bestehend, erhält durchweg eine moralische Tendenz. Sonach ist jetzt allererst das seit Sokrates angeregte Problem wirklich gelöst und die Forderung der denkenden, auf das Moralische gerichteten Vernunft befriedigt. (W. II, 676 fg.) Eine bloße Moralphilosophie ohne Erklärung der Natur, wie sie Sokrates einführen wollte, ist einer Melodie ohne Harmonie, welche Rousseau ausschließlich wollte, ganz analog, und im Gegensatz hiervon wird eine bloße Physik und Metaphysik ohne Ethik einer bloßen Harmonie ohne Melodie entsprechen. (W. I, 313.)