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Schopenhauers Kosmos

 

 Langeweile.

1) Unterschied zwischen Mensch und Tier in Hinsicht auf die Langeweile.

Der Mensch hat zwar vor dem Tiere die eigentlich Intellektuellen Genüsse voraus, die gar viele Abstufungen zulassen, von der einfältigsten Spielerei oder auch Konversation bis zu den höchsten geistigen Leistungen; aber als Gegengewicht dazu, auf der Seite der Leiden, tritt bei ihm die Langeweile auf, welche das Tier, wenigstens im Naturzustand nicht kennt, sondern von der nur im gezähmten Zustande die allerklügsten Tiere leichte Anfälle spüren; während sie beim Menschen zu einer wirklichen Geißel wird. (P. II, 316.) Nur in den allerklügsten Tieren, wie Hunden und Affen, macht sich die Langeweile fühlbar. (P. II, 71.)

2) Not und Langeweile als die beiden Pole des Menschenlebens.

Not und Langeweile sind die beiden Pole des Menschenlebens. (P. II, 316.) Sobald Not und Leiden dem Menschen eine Rast vergönnen, ist gleich die Langeweile so nahe, dass er des Zeitvertreibs notwendig bedarf. Was alle Lebenden beschäftigt und in Bewegung erhält, ist das Streben nach Dasein. Mit dem Dasein aber, wenn es ihnen gesichert ist, wissen sie nichts anzufangen; daher ist das Zweite, was sie in Bewegung setzt, das Streben, die Last des Daseins los zu werden, es unfühlbar zu machen, die Zeit zu töten, d. h. der Langeweile zu entgehen. Demgemäß sehen wir, dass fast alle vor Not und Sorgen geborgene Menschen, nachdem sie nun endlich alle andern Lasten abgewälzt haben, jetzt sich selbst zur Last sind. Die Langeweile aber ist nichts weniger, als ein gering zu achtendes Übel; sie malt zuletzt wahre Verzweiflung auf das Gesicht. Der Kampf gegen die Langeweile ist eben so quälend, wie der gegen die Not. (W. I, 368 fg.) Not und Schmerz erfüllen die Welt, und auf Die, welche diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. (P. I, 352.) Wie die Not die beständige Geißel des Volkes ist, so die Langeweile die der vornehmen Welt. Im bürgerlichen Leben ist sie durch den Sonntag, wie die Not durch die sechs Wochentage repräsentiert. (W. I, 370. P. I, 347.)
Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des menschlichen Glückes, den Schmerz und die Langeweile. In dem Maße, als es glückt uns von einem derselben zu entfernen, nähern wir uns dem anderen und umgekehrt; so dass unser Leben wirklich eine stärkere, oder schwächere Oszillation zwischen ihnen darstellt. Dies entspringt daraus, dass Beide in einem doppelten Antagonismus zu einander stehen, einem äußern, oder objektiven, und einem inneren, oder subjektiven. (P. I, 347. H. 447.)

3) Die Langeweile als Beweis der Wert- und Gehaltlosigkeit des Daseins an sich selbst.

Die Langeweile beweist geradezu, dass das Dasein an sich selbst keinen Wert hat; denn sie ist eben nur die Empfindung der Leerheit desselben. Wenn nämlich das Leben, in dem Verlangen nach welchem unser Wesen und Dasein besteht, einen positiven Wert und realen Gehalt in sich selbst hätte; so könnte es gar keine Langeweile geben, sondern das bloße Dasein an sich selbst müsste uns erfüllen und befriedigen. (P. II, 307.) Dass hinter der Not sogleich die Langeweile liegt, welche sogar die klügeren Tiere befällt, ist eine Folge davon, dass das Leben keinen wahren echten Gehalt hat, sondern bloß durch Bedürfnis und Illusion in Bewegung erhalten wird; sobald aber diese stockt, tritt die gänzliche Kahlheit und Leere des Daseins ein. (P. II, 311.)

4) Wirkungen der Langeweile.

Die Langeweile macht, dass Wesen, welche einander so wenig lieben, wie die Menschen, doch so sehr einander suchen, und wird dadurch die Quelle der Geselligkeit. (W. I, 369. P. I, 349. 449 fg.) Auch werden überall gegen die Langeweile, wie gegen andere allgemeine Kalamitäten, öffentliche Vorkehrungen getroffen, schon aus Staatsklugheit; weil dieses Übel, so gut als sein entgegengesetztes Extrem, die Hungersnot, die Menschen zu den größten Zügellosigkeiten treiben kann. (W. I, 369.) Die Reisesucht ist eine Folge der Langeweile. Was die Menschen durch die Länder jagt, ist die selbe Langeweile, welche zu Hause sie haufenweise zusammentreibt und zusammendrängt, dass es ein Spaß ist, es anzusehen. (P. II, 645.) Ferner Kartenspiel und andere Spiele. Der Langeweile zu begegnen, schiebt man dem Willen kleine, bloß einstweilige Motive vor, ihn zu erregen und dadurch auch den Intellekt, der sie aufzufassen hat, in Tätigkeit zu versetzen. Solche Motive nun sind die Spiele, mit Karten u. s. w., welche zu besagtem Zweck erfunden worden sind; fehlt es daran, so hilft der beschränkte Mensch sich durch Klappern und Trommeln, mit Allem, was er in die Hand kriegt. Auch die Zigarre ist ihm ein willkommenes Surrogat der Gedanken. (P. I, 350. W. I, 370 fg.) Aus der inneren Leerheit, welche die Quelle der Langeweile ist, entspringt die Sucht nach Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art, welche Viele zur Verschwendung und dann zum Elende führt. (P. I, 348.)

5) Gegensatz zwischen der Geistesstumpfheit und Geistesregsamkeit in Hinsicht auf die Langeweile.

Aus der Geistesstumpfheit geht jene auf zahllosen Gesichtern ausgeprägte, wie auch durch die beständig rege Aufmerksamkeit auf alle, selbst die kleinsten Vorgänge in der Außenwelt sich verratende innere Leerheit hervor, welche die wahre Quelle der Langeweile ist und stets nach äußerer Anregung lechzt, um Geist und Gemüt durch irgend etwas in Bewegung zu bringen. (P. I, 347.) Dagegen lässt der innere Reichtum, je mehr er sich der Eminenz nähert, der Langeweile immer weniger Raum. Die unerschöpfliche Regsamkeit der Gedanken aber, ihr an den mannigfaltigen Erscheinungen der Innen- und Außenwelt sich stets erneuerndes Spiel, die Kraft und der Trieb zu immer anderen Kombinationen derselben, setzen den eminenten Kopf, die Augenblicke der Abspannung abgerechnet, ganz außer dem Bereich der Langeweile. (P. I, 348.) Dem Manne von Genie kann die Langeweile, dieser beständige Hausteufel der Gewöhnlichen, sich nicht nähern. (P. II, 84.)
Dass die beschränkten Köpfe der Langeweile so sehr ausgesetzt sind, kommt daher, dass ihr Intellekt durchaus nichts weiter, als das Medium der Motive für ihren Willen ist. Sind nun vor der Hand keine Motive aufzufassen da, so ruht der Wille und feiert der Intellekt; dieser, weil er so wenig, wie jener, auf eigene Hand in Tätigkeit gerät. Das Resultat ist schreckliche Stagnation aller Kräfte im ganzen Menschen, — Langeweile. (P. I, 350.)

6) Verhältnis der Lebensalter zur Langeweile.

Die Zeit unseres Lebens hat in der subjektiven Schätzung eine beschleunigte Bewegung, indem Jedem nach Maßgabe seiner Entfernung vom Lebensanfang die Zeit schneller und immer schneller verfließt. Wir sind daher der Langeweile durchweg im umgekehrten Verhältnis unseres Alters unterworfen. Kinder bedürfen beständig des Zeitverteibs, sei es Spiel oder Arbeit; stockt er, so ergreift sie augenblicklich entsetzliche Langeweile. Auch Jünglinge sind ihr noch sehr unterworfen und sehen mit Besorgnis auf unausgefüllte Stunden. Im männlichen Alter schwindet die Langeweile mehr und mehr; Greisen wird die Zeit stets zu kurz und die Tage fliegen pfeilschnell vorüber. Durch diese Beschleunigung des Laufes der Zeit fällt also in späteren Jahren meisten die Langeweile weg. (P. I, 519 fg.)